Wir stellen uns hinter unsere Kulturschaffenden

Foto: gpr

19. Juni 2026

Dirk Reichenau: Klartext (9)

Der Tittmoninger Stadtrat hat in seiner Sitzung vom 16. Juni beinahe einstimmig – die zwei erwartbaren Gegenstimmen kamen von der AfD – Sebastian Gruttauer das Referat für Kultur, Brauchtum und Tradition wieder entzogen und es stattdessen dem Ersten Bürgermeister übertragen.

Gut einen Monat, nachdem eine sehr knappe Stadtratsmehrheit in der konstituierenden Sitzung meinen Antrag abgelehnt hatte, Gruttauer das Kulturreferat zu verweigern, ist nach einem Protestbrief zahlreicher Kulturschaffender, die entweder in Tittmoning leben und arbeiten oder der Stadt eng verbunden sind, nun also doch Vernunft eingekehrt. Die Lösung, dieses Referat - wie von mir in einem zweiten Anlauf vorgeschlagen - nach dem „Burghausener Modell“ dem Ersten Bürgermeister selbst zu übertragen, ist sicherlich salomonisch. Man hätte sich freilich diese Provinzposse sparen können, die unsere Stadt zur Lachnummer des Freistaates macht, wenn man vorher besser nachgedacht und genauer hingeschaut hätte. Ich hatte im Vorfeld der konstituierenden Sitzung ausdrücklich meinen Widerstand gegen diese Personalie geäußert und meine Einwände gegen die Berufung Gruttauers zum Kulturreferenten klar formuliert.

Das vielfältige Kulturleben der Stadt schützen

In der Begründung des nun beschlossenen Antrags heißt es u.a., das „bunte und vielfältige Kulturleben“, das sich in den letzten Jahrzehnten „mit einem großartigen Engagement vieler Kulturschaffender“ (und ich füge hinzu: dank hervorragender SPD-Kulturreferenten von Elisabeth von Samsonow über Willy Böhm bis zum unermüdlichen Josef Wittmann) in der Stadt entwickelt habe, gelte es zu schützen, weiter zu pflegen und zu fördern. Gruttauer habe bereits in den wenigen Wochen seit seiner Wahl durch seine Einlassungen in Presseorganen und Sozialen Medien der Stadt Tittmoning Schaden zugefügt. Erwähnt wird z.B. seine Reaktion auf den besorgten Brief der Kulturschaffenden, nämlich ein Video-Aufruf zum „Kulturkampf“ und eine bundesweite, polarisierende Gegenpetition auf change.org, die – anders als der Brief der Kulturschaffenden – von Gleichgesinnten (also extrem Rechten) von überallher unterzeichnet werden kann, ob sie Tittmoning und seine Kulturszene kennen oder nicht. Gruttauer, so der Antrag, „gefährdet mit seinen Äußerungen das reichhaltige Kulturleben sowie das gesellschaftliche Miteinander und nimmt den Rückzug zahlreicher Kulturschaffender billigend in Kauf.“ Er habe damit als Referent das Vertrauen in eine offene, vielfältige und verbindende Kulturarbeit verwirkt.

Desinformationen und Halbwahrheiten

Das ist richtig. Tatsächlich flutet Gruttauer seit der ersten, knapp gewonnenen Abstimmung und dann seit dem offenen Brief der Kulturschaffenden die Sozialen Medien mit Posts zu dem Thema und zu seiner Person. Das einzige Interesse, das er verfolgt (und das er auch mit seinem Referentenposten verfolgt hätte, hätte man ihn ihm belassen), ist es, Öffentlichkeit herzustellen, um für sich, seine kruden Ideale und seine Partei zu werben. Er nutzt die Desinformationsmaschine Internet, frei nach dem Motto: „Füttere die Hirne mit Lügen, Verdrehungen, Halbwahrheiten und Verleumdungen am laufenden Band, vergifte die Köpfe mit „alternativen“ Fakten so lange, bis die Leute nicht mehr wissen, was wahr und falsch, links oder rechts, gut und böse ist.“ Bis die Leute die täglich von seriösen Medien und Wissenschaftlern erarbeiten Fakten als Produkt der „Systemmedien“ abtun und so wählen wie am 8. März 2026. (Ich zitiere hier aus dem klugen Beitrag unseres Parteigenossen Christian Nürnberger: „Die Biedermänner und die Brandmauer“, kommentar@vrm.de)

Rechtsextreme Unterstützer der Gegenpetition

Für die oben bereits erwähnte Online-Petition „Unser Kulturreferent“ lässt er Gesinnungsgenossen werben, die wahrscheinlich nicht einmal wissen, wo Tittmoning liegt, und scheut sich auch nicht, ein Unterstützervideo des Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich (AfD) zu teilen, der sich selbst einmal als „freundliches Gesicht des NS“ bezeichnet hat und inzwischen erstinstanzlich aus der AfD geworfen wurde. (im Detail nachzulesen auf: de.wikipedia.org/wiki/Matthias_Helferich) Gruttauer missbraucht die Ausstellungsräume der Burg und die wunderbare Fotoausstellung, zu der er naturgemäß keinerlei Beitrag geleistet hat, da sie bereits lange vor seinem Einzug in den Stadtrat im vergangenen Jahr geplant und vorbereitet wurde, als Hintergrund für den von ihm ausgerufenen „Kulturkampf“ durch Interviews mit Parteifreunden und Erklärvideos, in denen er hartnäckig Halbwahrheiten wiederholt – so etwa die Behauptung, er sei „einstimmig“ zum Kulturreferenten gewählt worden. Das ist einerseits nicht unwahr, weil die Referent*innen in der Mai-Sitzung nach der kontroversen Diskussion um Gruttauers Personalie im Block gewählt wurden und die Gesamtliste letztendlich einstimmig verabschiedet wurde. Auch die weitsichtigeren Stadträte wollten nicht alle anderen Referenten mit ablehnen, um Gruttauer zu verhindern. Aber er verschweigt damit, dass bereits damals nur eine sehr knappe Mehrheit befürwortete, ihn mit dem Referat zu betrauen. Immerhin neun der 21 Stadträte haben schon damals gegen ihn gestimmt. Und das hat Gründe, die unabhängig davon sind, wie der kürzeste Kulturreferent aller Zeiten sich in den letzten Wochen aufgespielt hat. Das habe ich in der letzten Sitzung des Stadtrats nochmal dargelegt.

Vom Bayerischen Verfassungsschutz beobachtet

Denn wer wollte, konnte vor der konstituierenden Sitzung des Stadtrates schon wissen: Herr Gruttauer ist nicht nur einfach „in der falschen Partei“. Er ist Mitglied im Landesvorstand der „Generation Deutschland“, der Nachfolgeorganisation der „Jungen Alternative für Deutschland“, die seit 2023 vom Bundesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem geführt wurde. Ein Vereinsverbot drohte. Heute wird der Landesverband der „Generation Deutschland“ zusammen mit der Mutterpartei als rechtsextremer Verdachtsfall vom bayerischen Verfassungsschutz beobachtet. Auf seinem Instagram-Account zeigt Gruttauer sich stolz mit Vorstands- und Parteikollegen, die dem rechtesten Rand der AfD angehören, und mit anderen Rechtsaußen. Es genügt, Timo Dierkes, Helmut Strauf, Tim Schulz, Wirth Anderlan oder eben Matthias Helferich zu googeln. Wir wissen nicht, warum Sebastian Gruttauer der Traunsteiner AfD-Kreistagsfraktion nicht angehört und warum die auf der AfD-Liste in den Stadtrat gewählte Christine Wolferstetter sich nicht der Tittmoninger AfD-Stadtratsfraktion angeschlossen hat. Vielleicht ist er sogar seinen Parteigenoss*innen zu radikal. So jemandem vertraut man nicht Kultur, Brauchtum und Tradition unserer Stadt an. Und wenn Konservative meinen, man müsste die AfD nur „einhegen“, mit ihnen geräuschlos im Sinne der Gemeindeordnung zusammenarbeiten, dann werde schon alles gut, dann rate ich mal zu einem Blick in die Geschichtsbücher. Da kann man sehen, wo das hinführt.

Wir stellen uns hinter unsere Kulturschaffenden

In der Bayerischen Verfassung und im Grundgesetz, auf die Stadträte vereidigt werden, kann man nachlesen: Die Förderung von Kunst und Wissenschaft ist Aufgabe der Gemeinden, ebenso wie die Unterstützung schöpferischer Künstler, Gelehrter und Schriftsteller (140 BV). Meinungs- und Kunstfreiheit gehören zum unabänderlichen Kern des Grundgesetzes nach Art. 5 GG, weil Kunstfreiheit ein Pfeiler unserer Demokratie ist. Was die Kunstschaffenden selbst zu seiner Berufung zu sagen hatten, hat Gruttauer nicht einen Moment lang irritiert. Ihm musste man ja auch erst die Freiheit der Kunst und das Funktionieren von Satire erklären, als er den in Törring lebenden Künstler Jürgen Geers wegen Volksverhetzung angezeigt hatte. Dass Gruttauer als Reaktion auf den offenen Brief zum „Kulturkampf“ aufgerufen hat, zeigt: Die AfD fungiert als Spaltpilz des friedlichen Zusammenlebens, in dem sich Menschen ungehindert austauschen und frei entfalten können. Diese Freiheit findet ihre Grenzen dort, wo gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus beginnen, also bei den Dingen, für die die Politik der AfD steht. Wir stellen uns hinter unsere einheimischen Kulturschaffenden und die Vereine, in denen sie aktiv sind. Es ist gut, dass der Stadtrat Gruttauer das Kulturreferat entzogen hat.

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