Geothermie: Angst ist ein schlechter Ratgeber

Foto: gpr

24. Februar 2020

Dirk Reichenau: Klartext (3)

Die Energiewende ist überfällig. Nach der Abschaltung von Atommeilern und Kohlekraftwerken müssen in Zukunft regenerative Energien die Versorgung mit elektrischem Strom ermöglichen. Die Erzeugung von Strom aus Wind- und Sonnenkraft unterliegt natürlichen Schwankungen. Geothermie hingegen ist einer der bislang leider ganz wenigen „grundlastfähigen“ Wege der alternativen Stromerzeugung. Das Umweltbundesamt bezeichnet Strom- und Wärmeerzeugung aus Geothermie als umwelt- und klimafreundliche Alternative zur fossilen Energie und ermittelte in der Studie "Energieziel 2050" für die Stromerzeugung aus Geothermie „ein beachtliches Potenzial“.

Diese Fakten sollte man im Hinterkopf haben, wenn es um die geplante Geothermienutzung bei Taching geht. Panikmache und Bürgerverunsicherung sind nicht hilfreich. Gefragt ist besonnenes Abwägen der Vor- und Nachteile. Falls es in der von der Bürgerinitiative unnötig angeheizten Situation überhaupt noch möglich ist, plädiere ich für eine Versachlichung der Diskussion.

Standort Haus bei Tengling

Nördlich des Tachinger Sees, in einer Gegend, die sich für Geothermienutzung gut eignet, hat die Münchener Firma Geoenergie Bayern GmbH im „bergrechtlichen Aufsuchungsfeld GT Törring“ Möglichkeiten zur Nutzung dieser prinzipiell also absolut begrüßenswerten erneuerbaren Energie geprüft. Die Genehmigung dazu erteilte Ende 2017 das Bayerische Wirtschaftsministerium nach Prüfung der Firma, die bereits die Geothermie-Projekte in Kirchweidach und Garching an der Alz begleitet hat und sich als reine „Aufsuchungsgesellschaft“ versteht. Das bedeutet: Eventuelle künftige Anlagen muss dann ein Investor errichten, das kann die Gemeinde sein oder ein privater Investor. Im Zuge dieser Aufsuchung war übrigens 2018 auch einmal ein Standort zwischen Kay und Wiesmühl in der Diskussion.

Als Ergebnis ihrer Untersuchungen schlug die Firma schließlich als Standort u.a. ein Gelände zwischen Hechenberg, Mönchspoint und Haus vor. In Absprache mit den Behörden und der Gemeinde Taching wurde dann 2019 mit den Vorplanungen begonnen und im Sommer 2019 das Projekt öffentlich vorgestellt. Als nächstes werden die Genehmigungsfähigkeit der Bohrungen und der geplanten Stromerzeugungsanlage im Rahmen bergrechtlicher und baurechtlicher Anträge geprüft, das sind ganz normale verwaltungsrechtliche Abläufe. Sobald die Entwickler mit ihren Planungen so weit sind, dass es Sinn macht, werden die Projekte der Öffentlichkeit vorgestellt.

Stellungnahme des Wasserzweckverbands Achengruppe vom 10.02.2020

Im Rahmen des sog. Hauptbetriebsplanes haben alle Träger öffentlicher Belange jetzt (und erst jetzt!) Gelegenheit, sich zu dem Vorhaben zu äußern – u.a. auch der Wasserversorgungs-Zweckverband Achengruppe, bei dem ich Verbandsrat bin und bei dessen letzter Werksausschuss-Sitzung ich Tittmoning als Dritter Bürgermeister vertrat.

Die Achengruppe hat von Anfang an darauf hingewiesen, dass der vorgesehene Bohrplatz in Haus bei Tengling bedenklich nahe an unseren Wassergewinnungsanlagen liegt, und hat deshalb seit Januar 2019 mit dem Antragsteller und den zuständigen Fachstellen (Wasserwirtschaftsamt, Landratsamt und Bergamt) Kontakt gesucht, konstruktiv und ohne groß Aufhebens darum zu machen. Um eine fundierte Stellungnahme abgeben zu können – wir können, anders als andere, ja nicht „einfach aus dem Bauch raus dafür oder dagegen sprechen“, wie der Vorsitzende Hans-Jörg Birner so schön gesagt hat – hat die Achengruppe eine Expertise durch ihren langjährigen Partner, Dr. Schott von der BGU Starnberg, erstellen lassen, deren Ergebnisse kürzlich vorgestellt wurden. Diese Studie hat ergeben, dass eine direkte Beeinflussung des Brunnens Tengling derzeit nicht auszuschließen ist, da einige Ausführungen zur Hydrogeologie im beantragten Hauptbetriebsplan für uns nicht nachvollziehbar sind. Deshalb haben wir fachgerechte Pegelbohrungen im Bereich des Bohrplatzes und ein von einem unabhängigen Fachinstitut erstelltes hydrogeologisches Gutachten gefordert (nachzulesen in der Südostbayerischen Rundschau vom 14.2.).

Fachbehörden entscheiden

Die Entscheidung darüber, ob die Pläne der Geothermie Südbayern genehmigt werden, liegt bei der Gemeinde Taching am See, beim Bergamt, Wasserwirtschaftsamt und Landratsamt (untere Naturschutzbehörde). Wenn besorgte Bürger ihre Ängste ums Grundwasser äußern, haben sie dazu jedes Recht. Beurteilen, ob es wirklich in Gefahr ist, können aber nur Fachleute. Die im Werksausschuss der Achengruppe durch ihre Bürgermeister vertretenen Gemeinden haben dafür gesorgt, dass die Frage fachlich fundiert und unabhängig überprüft wird, und werden selbstverständlich keine Bohrungen in Haus zulassen, wenn eine Gefährdung des Grundwassers nicht ausgeschlossen ist. Ein gewisses Vertrauen in die Verantwortlichen beim Bergamt, der unteren Naturschutzbehörde und dem Wasserwirtschaftsamt wäre aber durchaus angebracht. Die gesetzlichen Anforderungen an solche Projekte (Berg-, Wasser-, Emissions- und Baurecht) sind zu Recht hoch, für Thermalwasser in Geothermieanlagen gelten dieselben strengen Gesetze wie für Trinkwasser. Damit die strengen Vorschriften beachtet werden, braucht es keine Demos und keine Transparente, das sind ganz normale, langwierige Prüfverfahren. Ich bin nicht bereit, diese aufgeheizte Diskussion für den Wahlkampf zu instrumentalisieren.

Ich frage mich aber: Wem dient die Panik, die Ingo Tönnesmann und seine Bürgerinitiative seit Monaten verbreiten? Leider findet sich nirgends eine Homepage, auf der die BIENE ihre Einwände gegen das Projekt nachlesbar (und damit u.U. auch widerlegbar) hinterlegt hätte. Ich würde mich gerne sachlich damit auseinandersetzen.

Ist die Verstromung des Thermalwassers wirklich Energieverschwendung?

Neben einer möglichen Gefährdung des Trinkwassers, die selbstverständlich ausgeschlossen sein muss, damit eine solche Anlage überhaupt eine Genehmigung erhält, wird von den Gegnern die angebliche Energieverschwendung als zweites Argument ins Feld geführt. Es geht darum, dass Geothermie-Anlagen, die nicht an Fernwärmeanlagen gekoppelt sind und stattdessen „nur“ Strom produzieren, lediglich einen geringen Anteil der im heißen Wasser enthaltenen Energie nutzen. Zugegeben: Der generelle Wirkungsgrad der Geothermie von 5 bis 15% klingt erschreckend gering. Allerdings hängt der genaue Wirkungsgrad für eine konkrete Anlage von Zahlen ab, die wir vor den Bohrungen noch nicht kennen: von der anliegenden Temperatur und der Flussrate pro Sekunde. Nach Angaben des Geothermie-Beraters Michael Braun liegt der Wirkungsgrad „selbst in Niedrigtemperaturfeldern wie im Chiemgau meist über zwölf Prozent und damit deutlich höher als von der Biene behauptet.“

Zum Vergleich sollte man aber auch sagen, dass Solar- und Windenergieanlagen in der praktischen Anwendung ebenfalls nicht über einem Wirkungsgrad von 25% (Sonne) bzw. 45 % (Windkraft, moderne Anlagen) liegen. Und, ganz wichtig: Die Energie aus Geothermie ist bei jedem Wetter verfügbar, Tag und Nacht: „Das Weniger an Wirkungsgrad wird durch das Mehr an Verfügbarkeit ausgeglichen“, so Braun. Bei Kraft-Wärme-Kopplung fällt die Bilanz der Geothermie noch deutlich besser aus. Eine solche Nutzung auch der geplanten Anlage bei Taching ist für die Zukunft denkbar und wünschenswert. Die anliegenden Gemeinden haben es in der Hand, die politischen Voraussetzungen dafür zu schaffen.

Wer die Nutzung der Geothermie von vornherein ausschließt, bleibt uns die Antwort schuldig, wo wir sonst künftig unseren CO2-neutralen Strom herbekommen sollen, der gerade in unserer Region dringend benötigt wird. Windräder verhindert in Bayern die CSU-Staatsregierung mit ihrer Abstandsregelung, gegen Stromtrassen wehren sich allerorts betroffene Anwohner, neue Wasserkraftwerke scheitern an der Ökologie, und die Sonnenenergie alleine kann in unseren Breiten die Stromerzeugung auch nicht sicherstellen.

Aus gegebenen Anlass muss ich sagen, dass ich es beschämend finde, wenn Tittmoninger Stadträte, allen voran Andreas Bratzdrum (CSU), Barbara Danninger (FW) und Hans Glück (Ökoliste), versuchen, sich öffentlichkeitswirksam an die Spitze der Protestbewegung zu setzen, sich dazu auf fremdem Gemeindegebiet zu Wortführer*innen aufschwingen und den tatsächlich zuständigen Tachinger Gemeindepolitiker*innen und deren Bürgermeisterin Ursula Haas erklären wollen, was sie zu tun und was sie zu lassen haben – ohne bessere Vorschläge für eine regionale Versorgung mit regenerativen Energien zu haben.

Im Sinne einer möglichst regionalen Energieerzeugung wäre es wünschenswert, wenn die anliegenden Gemeinden dieses Projekt selbst in die Hand nehmen könnten. Aber die Kosten für solche Bohrungen können wir uns schlicht nicht leisten. Wer also gegen die internationalen Investoren hetzt, die hier nur „abzocken“ wollen, soll doch bitte einen lokalen Investor benennen, der stattdessen das Projekt finanziert.

Leider war die Informationspolitik der Betreiberfirma bisher wenig zufriedenstellend, und ich verstehe, wenn das misstrauisch macht. Gesundes Misstrauen ist bei der Dimension des Projekts angebracht, Panik nicht. Die Informationspolitik der „Biene“ ist ebenfalls mehr als dürftig. Abgesehen von öffentlichen Veranstaltungen, von denen mittlerweile Teilnehmer mit anderer Meinung offenbar von Saalordnern ferngehalten werden, gibt es keine Möglichkeit, die Aussagen der Bürgerinitiative nachzulesen.

Die Technik der Geothermie, ursprünglich vor allem zur Wärmeversorgung vorgesehen, ist in den letzten Jahren enorm fortentwickelt worden. Denn auch Geothermienutzung ausschließlich zur Fernwärmegewinnung wäre eine enorme Energieverschwendung, da wir ja nicht rund ums Jahr heizen. Im Sommer würde die Thermalwasserenergie verschwendet. Deshalb wurden beispielsweise im Münchner „Speckgürtel“ zunächst als reine Wärmeprojekte geplante Geothermieanlagen mit Kraftwerken nachgerüstet. Die Koppelung beider Nutzungen ist das Vernünftigste, und dafür werde ich mich auch einsetzen: Geothermie für grundlastfähige Stromerzeugung und Wärmegewinnung.

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