Erinnerungskultur als Schutz gegen Rechtsextremismus

Jürgen Geers
Foto: Rolf Seiffert

24. Februar 2026

Hördokumentation „unter dem Gras darüber“ vor voll besetztem Stadtsaal aufgeführt

Inge Kurtz und Jürgen Geers hatten für den Hessischen Rundfunk Interviews mit Leuten geführt, die von politischer Verfolgung durch die nationalsozialistische Regierung betroffen gewesen waren. Aus mehr als 100 Stunden persönlicher Berichte haben sie schließlich eine Dokumentation zusammengestellt, die 1999 einen ganzen Rundfunk-Tag lang gesendet und auch als CD-Kassette angeboten wurde. Die Autoren haben Ausschnitte davon für eine Präsentation zusammengestellt. Die im Stadtrat vertretenen Gruppierungen CSU, SPD, Ökologische Bürgerliste und Freie Wähler haben gemeinsam die Veranstaltung im Stadtsaal am vergangenen Samstag unterstützt, die von Josef und Bernadette Irgmaier musikalisch begleitet wurde.

Jürgen Geers begrüßte, überwältigt vom unerwartet starken Andrang, das Publikum. Nach dem „Gewummer der Aschermittwochsreden“ sei dieser Abend ein Versuch, aus den Erinnerungen einer inzwischen verstorbenen Generation nicht Schuld, sondern „Verantwortung für das, was wir dulden oder nicht dulden wollen“ zu erzeugen. Kollektive Erinnerung lebe in Gesellschaft und Brauchtum fort. Wenn rechtsextreme Sprachmuster wieder salonfähig und seriöse Medien verächtlich gemacht werden, müsse man darauf reagieren. Für musikalische Verschnaufpausen dankte er Josef und Bernadette Irgmaier, die Texte von Bertolt Brecht zur Musik von Kurt Weill beisteuern würden.

Bürgermeister Andreas Bratzdrum hob in seinem Grußwort hervor, dass Extremismus jeder Richtung allen schade. Mit persönlicher Betroffenheit erinnerte er an die eigene Familie; seine Mutter kam 1945 als Kind mit ihrer Mutter nach Nordbayern, noch in seiner Kindheit wurde die Familie als „Flüchtlinge“ stigmatisiert. Es habe das Glück gehabt, dass er in einer Demokratie aufwachsen konnte, in der seit nun 81 Jahren Menschenrechte gewahrt würden. Jeder sei aufgerufen, sich dafür einzubringen und Verantwortung zu tragen.

Es folgte eine erste Einspielung aus der Dokumentation, Berichte über Veränderung des politischen Klimas in den Dreißiger Jahren. Technische Probleme mit der Haustechnik, die gleich am Anfang auftraten, konnte Jürgen Hagen rasch beheben.

Zweite Bürgermeisterin Barbara Danninger dankte Jürgen Geers für seine Initiative und dem Publikum für das beeindruckende Interesse. Auch sie verwies auf eigene Erlebnisse. Als junge Krankenschwester in München habe sie erlebt, wie viele alte Leute von den Erlebnissen in der Vorkriegs- und Kriegszeit immer noch traumatisiert und verängstigt waren. Demokratie, so ihre Erfahrung, brauche Pflege und einen guten Boden. Jeder Mensch verdiene Achtung, Extremismus störe das Zusammenleben. Ziel sei, dass die Menschheit den ganzen Planeten wie eine Familie bewohnen könne.

Hans Glück merkte an, dass die Schwere des Themas Betroffenheit bewirke, das volle Haus zeige das. Die Demokratie sei in seiner Lebenszeit noch nie so nah am Abgrund gestanden. Demokratie brauche wache Demokraten, der Spruch „wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf“ sei hoch aktuell. Autoritäre Systeme lassen keine Wahl, wenn Menschen ausgeschlossen werden, funktioniert die Gesellschaft nicht mehr.

Dritter Bürgermeister Dirk Reichenau dankte Jürgen Geers und Inge Kurtz nicht nur für die Präsentation ihrer Hör-Dokumentation, sondern auch für ihr Eintreten für Meinungsdreiheit. Törring sei eben kein Nazidorf, auch wenn die jüngeren Wahlergebnisse die Vermutung nahe legen. Die Generation, die das Elend der Nazi-Diktatur erlebt habe, sei die Gewähr gewesen, dass Parteien wie NPD, DVU und Republikaner nicht groß werden konnten, aber sie lebe nun nicht mehr. Deutlich wies er darauf hin, dass die Grundeinstellung der von Höchstgerichten als „gesichert rechtsextrem“ eingestuften AfD auch hinter der vordergründig sachlichen Argumentation auf kommunaler Ebene gefährlich bleibe. Die BRD habe, anders als die Weimarer Republik, starke Institutionen, das Gewaltmonopol sei nicht in Frage gestellt. Aber in Sicherheit wiegen sollte sich niemand.

In der zweiten Einspielung aus der Doku kamen Erlebnisberichte über Gestapo-Verhöre, über die Verhaftung von Juden und ihre Verschleppung in Vernichtungslager zur Sprache. Eine Sprecherin sagte, man habe von den Auswüchsen der Diktatur überhaupt keine Vorstellung gehabt und Erzählungen über Gewaltexzesse einfach nicht geglaubt. Viele Bedrohte seien aus Angst vor materieller Not nicht geflohen; die Existenzangst habe sie im Land gehalten, bis es zu spät war.

Als letzte Einspielung folgten Berichte von Überlebenden der KZ über die Ereignisse in den letzten Kriegsjahren. Schwer erträgliche Szenen, die den Erzählenden selbst über lange Sekunden die Stimme verschlug.

Zwischen den Grußworten und den Einspielungen gab es wohlbekannte Chansons wie den „Alabama-Song“ und „Mackie Messer“, aber auch nur noch selten gespielte Lieder wie die „Ballade von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens“ zu hören. Bernadette Irgmaier brachte sie mit Einfühlungsvermögen und stimmlicher Präsenz zur Wirkung. Den Schluss bildete „Die Ballade vom ertrunkenen Mädchen“, nach der es im Saal eine Weile still war, bis sich lang anhaltender Beifall Bahn brach.

Text: Josef Wittmann; Bilder: Rolf Seiffert

Teilen