Ein spannendes Hörfunkexperiment über „Meinungsfreiheit an der Grenze“, angeregte und engagierte Gespräche, an den Wänden politische Plakate gegen Rechtsextremismus: Den politischen Aschermittwoch beging die Tittmoninger SPD im Zollhäusl mit zahlreichen Gästen an der Salzachbrücke. In Luise Wittmanns Galerie präsentierten Jürgen Geers und Inge Kurtz aus Törring ihr Hörspiel „Der Meinungscontainer“.
Warum man nach über vierzig Jahren einen Rundfunkbeitrag nochmals öffentlich zu Gehör bringt, erschloss sich beim Zuhören: In der Rückschau wirkt das Experiment, bei dem Passanten in der Kasseler Fußgängerzone dreißig Tage lang ohne irgendwelche Vorgaben anonym ihre Meinung in ein Mikrofon sprechen durften, die anschließend unzensiert und ungefiltert wiedergegeben wurde, wie ein Vorläufer sozialer Medien.
Was man damals nach Jürgen Geersʼ Worten „mit grenzenlosem Optimismus“ ausgehend von Bertolt Brechts Radiotheorie ausprobiert hatte, nämlich dem Publikum selbst das Wort zu erteilen, hatte zu der ernüchternden Erkenntnis geführt, die Facebook und Co. heute unter ganz anderen technischen, aber auch ökonomischen Bedingungen nur allzu deutlich untermauern: „Wo alle sprechen dürfen, entsteht nicht automatisch Verständigung.“
Eine Stunde lang durchlebte die interessierte Hörerschaft ein Wechselbad aus Amüsement und Staunen, Befremden und Entsetzen. In den repräsentativ ausgesuchten und gekonnt montierten anonymen Statements spiegelte sich die bundesrepublikanische Gesellschaft der frühen achtziger Jahre in ihren Ängsten und Hoffnungen von Arbeitslosigkeit, Profitgier und Wettrüsten bis zur Frage nach dem Sinn des Lebens und sehr privaten Bekenntnissen. Da wurde still sinniert und laut gebrüllt, gebeichtet, provoziert und ironisiert. Auch Lieder oder Gedichte trugen manche vor.
Erschreckend war, wie ungebremst sich in der Anonymität der Versuchsanordnung schon damals in vielen Äußerungen undifferenziert Ausländerfeindlichkeit Bahn brach, wie hemmungslos rassistische und faschistische Parolen gerade von jungen Stimmen geäußert wurden. „Den braunen Bodensatz gab es schon damals“, bestätigte Geers in der Diskussion, „aber die haben sich noch hinter der Anonymität versteckt. Heute ist die Scham weitgehend weg.“
Ortsvereinsvorsitzender Dirk Reichenau hatte in seinen einleitenden Worten angesichts einer zunehmender Unterminierung der Demokratie auch in europäischen Ländern gewarnt: Meinungsfreiheit gelte in einer demokratischen Gesellschaft für alle, auch für Nazis. Gefährlich werde es, wenn Rechtsextreme die Meinungsfreiheit nutzten, um demokratiefeindliche und mit der Verfassung nicht vereinbare Ziele zu verfolgen – und die Meinungsfreiheit letztendlich selbst einzuschränken. „Faschisten, die demokratisch gewählt werden, sind deshalb noch keine Demokraten“, stellte er klar. Er warb dafür, das großartige Angebot, welches das Grundgesetz darstellt, wieder mehr zu schätzen und für dessen Werte, für Freiheit und Demokratie zu kämpfen.
Reichenau dankte Jürgen Geers, der sich gemeinsam mit vielen anderen in Törring klar gegen Rechtsextremismus positioniert, für seine aufrechte Haltung, und zitierte die Warnung seines Freundes und Parteikollegen Josef Wittmann, hinter einer scheinbar sachlichen Argumentation auf kommunaler Ebene verstecke sich gerade beim Führungspersonal der AfD oft eine gefährliche Grundeinstellung: „Wer am Infostand Zeckenspray verteilt, sich auf Social Media mit dem Begriff „Remigration“ profiliert und gemeinsam mit einem Parteikollegen posiert, dem Nähe zur Identitären Bewegung nachgesagt wird, der zeigt klar, wes Geistes Kind er ist und sollte für jeden Demokraten unwählbar sein.“